Die Katastrophe als Prämisse. Über Darstellen ‚nach Auschwitz’ anlässlich der STUDIEN ZUR DEUTSCHEN SEELE

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In Weimar am Theater zu arbeiten heißt, sich über die Konventionen von Metaphern anders auseinander zu setzen als anderswo. Das liegt an Buchenwald. Der Allpräsenz dieser deutschen Geschichte entkommt in Weimar niemand, schon gar nicht auf dem Theater. Wenn man ein Zug-Geräusch in irgendeine szenische Situation einbaut, sind es die Züge ins Lager, wenn man auf den Eisernen Vorhang Feuer projiziert, sind das die Öfen. Ob man das so verstanden wissen will, ob man das meint oder nicht. Das ist so. Es liegt also nahe, sich mit Buchenwald auch bewusst auseinander zu setzen, sich diesem Ort auszusetzen und das Gespräch darüber, die Begegnung, nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich zu suchen. Aus dieser Auseinandersetzung über einen langen Zeitraum entstand der Wunsch, dieses Sich-aufeinander-zu-Arbeiten einmal schriftlich zur Diskussion zu stellen. Die Arbeit an den STUDIEN ZUR DEUTSCHEN SEELE I UND II, in denen die Fragen des Gedächtnisses, des Erinnerns und der Möglichkeit von Darstellung nicht nur implizierend mitgeführt, sondern thematisch gemacht wurden, war also nicht Grund, sondern vielmehr Anlass zu dem hier vorgelegten Versuch. Der deutlichen Zweiteilung dieses Textes liegt nicht eine Zweiteilung des Denkens zugrunde, sondern eine – vorläufige – Gelegenheit der Organisation des Schreibens.

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Noch einmal:

Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.[1]

Mit seinen Ausführungen über Auschwitz, besonders im Spätwerk NEGATIVE DIALEKTIK, bringt Theodor W. Adorno die Philosophie in die Lager, wobei mit Auschwitz von Beginn an das System der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager pars pro toto bezeichnet wird. Es sind trostlose, selbstzerfleischende Ausführungen, die bestreiten, dass Philosophie die Ereignisse in den Lagern aufnehmen und erklären könne. „Nach Auschwitz“ meint bei ihm nichts weniger als das gegenwärtige abendländische Denken und Leben, zunächst einmal aber das Sprechen über die Shoah: „Kein vom Hohen getöntes Wort, auch kein theologisches, hat unverwandelt nach Auschwitz ein Recht.“[2]

Die Gedanken, welche diese Sätze in Adornos übergreifend kulturkritischen Texten tragen, zielen nicht darauf ab, moralische Urteile zu erlassen oder Handlungsanleitungen zu geben, etwa ein Lyrikverbot. Vielmehr problematisiert Adorno in einer damals wie heute ungewohnten Dialektik Darstellbarkeit, indem er ausdrücklich theoretische Erkenntnis als Teil der „Barbarei“ einer Kultur nach Auschwitz bezeichnet. Das Denken solcher Zusammenhänge von Kultur und „Barbarei“ wirkt verstörend, vor allem in Situationen, in der eigene Kultur oft genug als Bestätigung für fremde „Barbarei“ gelten soll. Und verstörend wirkt auch der schwierige Begriff der Barbarei sowie die Drastik von Adornos Formulierungen: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“[3] Adorno kritisiert die Kultur einschließlich ihrer Kritiker, die sich außerhalb des Kritisierten wähnen. Er begreift die Gesellschaft als einen total gewordenen Schuldzusammenhang, gerade in Zeiten des Wiederaufbaus und einer Normalisierung, die er zu verunsichern sucht. In zu vielen Darstellungen und durch interpretatorische Sinnzuschreibungen der Shoah sieht er die Gefahr, dass sich die Erinnerung an Auschwitz in ihr Gegenteil verkehren könne, ja dass sich Auschwitz vergessen ließe, und dies auf dem Weg seiner ästhetischen Banalisierung durch eine alles vereinnahmende Kulturindustrie.

Auf eine solche Kritik der massenhaften medialen Darstellungen der Shoah als eines falschen, von Geschichte entfremdenden Umgangs mit dem Wissen um die Shoah sowie auf die Kritik der öffentlichen erinnerungskulturellen Routinen und Rituale zielt Adornos Begriff der Undarstellbarkeit – Kritik innerhalb einer Aufklärung also, die in einen reformulierten kategorischen Imperativ mündet, nämlich „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“[4].Adornos aufklärerische Ausführungen zur Darstellbarkeit respektive Undarstellbarkeit von Auschwitz – die wiederum selbst geradezu ein „Katalysator für Darstellungen“[5] der Shoah sind – haben nichts mit der Behauptung einer Nicht-Darstellbarkeit der Shoah zu tun, vielmehr sollen sie ein Denken ermöglichen, das Auschwitz nicht mythisiert oder sakralisiert, sondern als im historischen Kontext Geschehenes benennt; es nicht eskamotiert, sondern als von Menschen an Menschen Begangenes bestimmt. Es gilt, nach gesellschaftlichen Bedingungen, politischen Prozessen, kulturellen Zusammenhängen und Weltbildern zu fragen, nach Strukturen somit, in denen Auschwitz möglich war und welche nach wie vor wirken. Derlei Einsichten fordern nicht Erlösung, nicht Versöhnung, sondern unbedingte, gegenwartsbezogene Selbstreflexion. Noch kurz vor seinem Tode schreibt Adorno:

Nachdrücklich ist hervorzuheben, dass Erziehung nach Auschwitz gelingen könnte nur in einer Gesamtverfassung, welche nicht länger die Verhältnisse und die Menschen hervorbringt, die an Auschwitz die Schuld tragen. Jene Gesamtverfassung hat sich nicht geändert; fatal, dass jene, welche die Veränderung wollen, dagegen sich verstocken.[6]

In Jean-François Lyotards Versuch, Auschwitz zu denken, gerät Auschwitz zum Psychodrama der europäischen Zivilisation. Auschwitz – auf kultureller Ebene längst ein emblematisches Ereignis für den Niedergang der Ideale der Aufklärung und geschichtsphilosophischer Inbegriff eines Zivilisationsbruchs – spiegelt das Unbestimmte der Ereignisse und der Schwierigkeit, sie zu erfassen und darzustellen, wider. In seinem Hauptwerk DER WIDERSTREIT verweist Lyotard auf das Unbestimmte von Auschwitz:

Mutatis mutandis ist das Schweigen, das das Verbrechen von Auschwitz dem Historiker abverlangt, für die Mehrzahl der Menschen ein Zeichen. Die Zeichen […] sind keine Referenten […]; sie zeigen vielmehr an, dass etwas, das in Sätze gebracht werden muss, in den geltenden Idiomen nicht artikuliert werden kann […]. Das Schweigen, das den Satz Auschwitz war ein Vernichtungslager umgibt, ist kein Gemütszustand, sondern ein Zeichen dafür, dass etwas Ungeäußertes, Unbestimmtes zu äußern bleibt.[7]

Das Unbestimmte zeigt sich im Wesen der Geschehnisse selbst und im Idiom ihrer Darstellung. Lyotard präzisiert die Frage nach einem Gedächtnis, das seine eigene Unvollständigkeit mit derjenigen historischer Ereignisse vermittelt. Im Rückgriff auf Sigmund Freuds Vorstellungen über die Arbeit der Verdrängung und die Anamnese als unendlicher Aufgabe begründet er Auschwitz als Ereignis, das nicht in die Historie einzuordnen ist.

Lyotard warnt vor Gewissheiten, denn jede scheinbare Gewissheit, die Geschehnisse und ihre Repräsentationen erklärt zu haben, umschließe schon das Vergessen der Ereignisse. Aus dergleichen „vollständiger Erinnerung“ erwachse also eine Variante des Vergessens, im Gegensatz zum Verwischen sämtlicher Spuren, weshalb Vergangenes in der Schwebe gehalten gehöre. Und gegen solche Aufhebung des Vergangenen mahnt er an, in keiner Darstellung den Rest des Undarstellbaren zu vergessen. Das bedeutet auch hier keine wohlfeile Behauptung einer Nicht-Darstellbarkeit der Shoah, sondern die Notwendigkeit von Darstellungen, die ihre eigenen Grenzen zeigen müssen. Weitere Motive der Negativen Dialektik Adornos aufnehmend fragt er – nicht wenig erinnerungskulturkritisch: „Folgt andererseits aus der Annahme, dass ‚nach Auschwitz’ der spekulative Diskurs zu Tode gekommen ist, dass er lediglich dem subjektiven Geschwätz und der Bosheit der Bescheidenheit das Feld überlässt?“[8]Die Formulierung „nach Auschwitz“ in den Versuchen Adornos und Lyotards, ein Danach mit Auschwitz als nicht-akzidentieller, unabschließbarer Wunde zu denken und zu schreiben, meint neben der Frage nach der Möglichkeit von Zeugenschaft auch eine zeittheoretische Frage nach dem Tod und nach der Problematisierung jeglichen Resultats einer spekulativen Dialektik. Was nach Auschwitz nicht mehr möglich scheint, ist die Logik der Versöhnung. Eine Nicht-Kommunizierbarkeit unterbricht den ‚schönen Tod’, wie ihn die geschichtsphilosophische Dialektik als etwas Vollendbares zu begründen sucht. Lyotard betont, dass die Schuld der unendlichen Anamnese eine Begrenzung des Kommunizierbaren und damit des Gemeinschaftlichen besagt. „Unvereinbarkeit statt obsessioneller Kommunikationszwang – so lautet Lyotards Plädoyer für eine unzeitgemäße Differenz.“[9]

In seinem Vortrag LYOTARD UND WIR und wir erprobt Jacques Derrida, im Gedenken an Lyotard, ein Jenseits von Tod und Trauer auszuloten. Derrida bezieht sich ebenfalls auf Adornos NEGATIVE DIALEKTIK: „Neues Grauen hat der Tod in den Lagern: seit Auschwitz heißt den Tod fürchten, Schlimmeres fürchten als den Tod.“[10].Schlimmer als der Tod sei der Tod, weil keine Gelegenheit zur Trauer bestünde, weil Zeugenschaft verunmöglicht sei. Nach Lyotard liege die neue Form des Todes darin, den Tod absolut zu machen, so dass keine Spuren zurück bleiben. Menschen sterben in Auschwitz keinen normalen Tod, einen, der noch irgendwie Sinn macht, sondern einen absoluten Tod, der nicht nur Menschen auslöscht, sondern auch ihre Namen. In Auschwitz ist der Tod die Regel für jene, die zu den zur systematischen Tötung vorgesehenen Gruppen von Menschen gehören, wie Juden, Zigeuner, Kranke: die extreme Form des Genozids, gekennzeichnet durch ideologische Ausschließlichkeit, globale Reichweite und Orientierung auf totale Vernichtung – ein Akt abgründiger Brutalität. Dieser Tod in den Konzentrations- und Vernichtungslagern bringt überlieferte Kategorien durcheinander, kein geläufiges Bild, keine gewohnte Sprache kann angemessen sein. Deshalb, so Derrida, kann es keine Trauer geben, und dennoch habe Lyotard recht, wenn er sagt, dass „die massenhaft hingerichteten Juden, abwesend, gegenwärtiger als jedes Gegenwärtige sind“[11].

In seiner Arbeit zu Walter Benjamins ZUR KRITIK DER GEWALT widmet sich Jacques Derrida der spekulativen Frage, wie Benjamin von der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ gesprochen haben würde. Folgt man mit Derrida einem „Benjaminschen Diskurs“, dann zeigt sich, dass gerade nach Auschwitz

nicht nur der Diskurs, die Literatur und die Dichtung keineswegs unmöglich sind, sondern sogar ursprünglicher und eschatologischer denn je die Bestimmung erhalten, sich von einer Rückkehr oder einer – noch – versprochenen Ankunft der Namensprache (einer Sprache oder einer Poetik des Beim-Namen-Rufens, die sich der Sprache der Zeichen, der informativen oder kommunikativen Repräsentation widersetzt) bestimmen zu lassen[12].

Derrida stellt Benjamins messianischen Erwartungshorizont in Frage und erteilt der von Benjamin entfalteten eschatologischen Dimension einer göttlichen Gerechtigkeit jenseits von Recht und Staat eine deutliche Absage, haben doch die politischen Konsequenzen aus solcher Utopie im Nationalsozialismus ihre Monstrosität offenbart, deren zynischste Vorstellung es noch wäre, „dass man den Holocaust als Entsühnung und unentzifferbare Signatur eines gerechten und gewaltsamen göttlichen Zorns deuten könnte“[13]. Exakt dagegen setzt Derrida auf Vermittlung durch sprachliche Auseinandersetzung und auf Verantwortung, die wirksames Eingreifen ermöglicht:

Ich weiß nicht, ob man dieser namenlosen Sache, die man Endlösung nennt, etwas entnehmen kann, was sich als Lehre bezeichnen lässt. Gäbe es aber eine solche Lehre, eine einzigartige Lehre unter den stets einzigartigen Lehren, die man aus einem besonderen Mord, aus allen kollektiven Vernichtungen der Geschichte ziehen könnte (jeder individuelle Mord, jeder Kollektivmord sind ein Singuläres, sie sind also unendlich und unvergleichbar), so wäre die Lehre, die wir heute daraus ziehen könnten (und wenn wir sie ziehen können, müssen wir es auch tun), die, dass wir die mögliche Mitschuld all dieser Diskurse am Schlimmsten (hier geht es um die Endlösung), die mögliche komplizenhafte Verbindung, die zwischen diesen Diskursen und dem Schlimmsten besteht, denken, erkennen, vorstellen, formalisieren, beurteilen müssen.