Einleitung

Die hier unter dem Titel “Fixieren und Bewegen – Heiner Müllers Inszenierungen auf Papier” präsentierten Aufsätze sind Zwischenergebnisse eines seit längerer Zeit am Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit den Etudes théâtrales der Université de Paris X, Nanterre, sowie mit der Internationalen Heiner Müller-Gesellschaft verfolgten Forschungsprojekts über die Manuskripte Heiner Müllers.

Hervorgegangen sind sie aus einem Workshop gleichen Namens zu Fragen der Darstellung und Lektüre von Heiner Müllers Manuskripten, der vom 3.-5. März 2006 in Berlin stattfand. Ihm vorausgegangen war der Versuch, durch eine Transkription, die dem gleichermaßen graphischen wie textuellen Charakter der Schreibweise Heiner Müllers gerecht wird, sämtliche Manuskripte, die auf die eine oder andere Weise als Vorarbeiten einer bestimmten Szene von Heiner Müller gelten können, einem größeren Kreis von Forschern zugänglich zu machen. Dabei wurde mit Blick auf eine von der Internationalen Heiner Müller-Gesellschaft geplante “Werkstatt” zu “Leben Gundlings…” die Szene “Lessings Schlaf Traum Schrei” ausgewählt. Für diese Szene machten wir im Archiv der Akademie der Künste ein Corpus aus, das um die 100 Manuskriptblätter umfaßt. Ihre von Christina Schmidt erstellte Transkription wurde in einer vorläufigen Version zunächst einem internen Workshop an der Ruhr-Universität vorgelegt, der die Affinität der Fragestellungen von Heiner Müller und Michel Foucault zum Gegenstand hatte, danach den Teilnehmern dieses öffentlichen Workshops, denen dabei die Frage gestellt wurde, auf welche Weise der Blick auf die Manuskripte die Lektüre der gedruckten Szene verändert und welche neuen Deutungs- und Inszenierungsmöglichkeiten der Blick auf den Arbeitsprozeß Heiner Müllers ermöglicht.

Die Workshopteilnehmer – Studierende und Promovenden der Theater- und Literaturwissenschaft sowie interessierte Theatermacher und Experten für Fragen der Textgenese und das Werk Heiner Müllers – stellten im Verlauf des Workshops Beiträge unterschiedlicher Art vor, die aus ihrer je spezifischen Arbeit mit dem Material entstanden waren. Einige davon waren angesichts des kleinen Budgets zwangsläufig eher vorläufiger Natur: So wurde von Jurga Imbrasaite, Uta Lambertz und Alexander Kerlin (alle Bochum) eine sich an Formaten von “Forced Entertainment” orientierende Performance präsentiert, von Karima El Kharraze (Paris) ein die Nähe von Müller und Godard auslotender Videofilm, von Angela Konrad (Marseille) und Kerstin Schütze (Wien) Inszenierungs-Skizzen und - Tagebücher. Andere Beiträge stellten lediglich skizzenhafte erste Versuche des Umgangs mit dem Material dar, die als Impuls für die Diskussion, jedoch nicht als Beginn einer intensiveren Arbeit gedacht waren. Dagegen handelt es sich bei den hier dokumentierten Arbeiten um Ausarbeitungen erster Ergebnisse, die in einem weiteren Workshop im Juni 2008 in erweiterter Form neuerlich diskutiert wurden und nun mit dem Wunsch vorgelegt werden, die in den Workshops begonnene Diskussion in größerem Umfang fortzuführen.

Dazu zwei Vorbemerkungen:

– Es stellte sich bei der Recherche im Archiv schnell heraus, dass die anfangs avisierte Versammlung aller zu dieser einen Szene zugehörigen Manuskripte unmöglich ist. Die spezifische Arbeitsweise Müllers lässt dies als für diese Szene wie jeden anderen Text des Autors unmöglich erscheinen: Er arbeitete beständig an mehr als einem Stück und alle veröffentlichten Texte hatten einen langen, oft bis in die Anfangsjahre seiner schriftstellerischen Arbeit zurückreichenden Vorlauf. So konnte sich denn auch die Diskussion im Workshop zwar auf ein, gemessen am kurzen veröffentlichten Text, umfangreiches Corpus stützen, musste jedoch den letztlich vermutlich phantasmatischen Anspruch fallen lassen, einen umfassenden Blick auf die Textgenese werfen zu können. (Siehe dazu auch die Ausführungen von Christina Schmidt.)
– Es handelt sich hier um unterschiedliche Formen des Umgangs mit den Manuskripten, die durch unterschiedliche persönliche Voraussetzungen, aber auch durch unterschiedliche Interessen bedingt sind. Eine Festlegung darauf, wie die Manuskripte zu bewerten seien, wurde mit Bedacht vermieden: Im Einklang mit zumindest einem Teil der gegenwärtigen Forschungsdiskussion zur Textgenese gingen wir vielmehr davon aus, dass das je singuläre Material eines Schriftstellers – bzw. in diesem Fall eines Dramatikers – eine je singuläre Form des Umgangs mit ihm hervorbringen muss, die sich erst im Zuge der Arbeit am Material ergeben kann. So sahen einige Beitragende in den Manuskripten Erläuterungen von für sich unklar bleibenden Passagen des veröffentlichten Textes, andere gingen dagegen von einem kategorischen Einschnitt aus, der durch die Veröffentlichung gesetzt wird. Einige versuchten die Lektüre einzelner Manuskriptseiten für sich, andere griffen Motive auf, die sich durch die Seiten hindurch in verschiedenen Varianten als gleichsam roter Faden ziehen, wieder andere nahmen die Manuskripte als ergänzendes Quellenmaterial, das Hypothesen mit Blick auf den Szenentext zu erhärten oder zu verwerfen erlaubt. Eine Synthese oder gar eine Auswahl “richtiger” und “falscher” Arbeit mit dem Material schien uns zu diesem Zeitpunkt weder beabsichtigt noch sinnvoll.

Nicht zuletzt lag der Schwerpunkt der Arbeit des Workshops auf dem Interesse an der je konkreten und dabei auch je anderen Erfahrung der Beteiligten. Alters-, Interessens- und Wissensbedingte Differenzen in der Wahrnehmung des Materials und im Umgang mit ihm waren ausdrücklich erwünscht. Kenntnisse auf dem Gebiet der Textgenese gingen bei einigen in die Betrachtung von Müllers Handschriften ein, waren jedoch aus unserer Sicht keine zwingende Voraussetzung. Denn wenn Müllers Manuskripte sicherlich in verschiedener Hinsicht solchen vergleichbar sind, über die bereits umfangreiche Arbeiten geschrieben und für die zum Teil aufwendigste Editionen erarbeitet wurden, sind sie doch von anderen Manuskripten auch deutlich zu unterscheiden. So kann etwa der Umgang mit den Manuskripten Paul Celans, Friedrich Hölderlins oder Franz Kafkas nicht einfach auf denjenigen mit Müllers Manuskripten übertragen werden. Ihre Aufarbeitung, das zeigen nicht zuletzt die durchweg suchenden und zum Teil geradezu zwangsläufig noch sehr spekulativen Beiträge, steht erst am Anfang.

Wenn die hier dokumentierten Ergebnisse auch vorläufiger Natur sind, so knüpft doch die in den zwei Workshops unternommene Arbeit wie das gesamte Forschungsprojekt zu Heiner Müllers Manuskripten an einen längeren Vorlauf an, der hier zumindest kurz erwähnt werden soll. Der Blick auf die Manuskripte Heiner Müllers und damit gewissermaßen in seiner Werkstatt wurde in größerem Umfang erstmals durch die Öffnung seines Archivs im Jahr 2000 möglich. Dieser Blick hat die Wahrnehmung seines Werkes verändert. Erste Veröffentlichungen von Manuskripten und Vorarbeiten in der von Müller herausgegebenen Schriftenreihe des Berliner Ensembles “Drucksache”[1], im Rahmen einer Heiner Müller – Ausstellung der “Akademie der Künste”[2] und in den Heften der von der Internationalen Heiner Müller-Gesellschaft edierten “Drucksache, neue Folge”, vor allem aber im Rahmen der mit einer Manuskripte-Ausstellung verbundenen Pariser Veranstaltung “Heiner Müller – Généalogie d’une oeuvre à venir”[3] legten den Schluss nahe, dass die Arbeit mit den Manuskripten einen großen Platz in der zukünftigen Praxis des Umgangs mit Müllers Texten in Forschung, Theater und Lektüre einnehmen werde. Deren Erschließung wurde und wird allerdings durch die mitunter schwer zu lesende Schrift Müllers und die wenig übersichtliche Streuung der Notate erschwert.

Wer die Manuskripte Heiner Müllers betrachtet, der blickt auf die Schauplätze mühsam still gestellter Konflikte: Texte wie “Die Hamletmaschine”, deren Genese in ersten wissenschaftlichen Arbeiten untersucht wurde, gingen aus einem Corpus von Manuskripten hervor, der mehrere hundert Seiten umfasst. In poetologischen und dramaturgischen Schriften wie dem Brief an den Regisseur Mitko Gotscheff verweisen zahlreiche Umstellungen, Streichungen und Einfügungen auf die Fragen und Aporien hin, die Müller im fertigen Drucktext vorläufig still gestellt und damit dem anderen Schau- und Kampfplatz der Auslegung übereignet hat. Das Studium dieser textgenetischen Dokumente, so die Hypothese, die am Ausgangspunkt der Bochumer Forschung zu den Manuskripten stand, wird in Zukunft voraussichtlich die unabdingbare Grundlage jeder ernst zu nehmenden Position zu Müllers Arbeiten darstellen.

Schon heute beeinflusst die Kenntnis der Manuskripte den Umgang von Regisseuren und Komponisten mit Müllers Werk – beispielhaft lässt sich dies an der 2003 an der Stuttgarter Staatsoper uraufgeführten Komposition „Im Spiegel wohnen“ zu Heiner Müllers „Bildbeschreibung“ beobachten (Musik: Andreas Breitscheid, Regie: Jean Jourdheuil): Die Kenntnis der Genese verschiebt die Auseinandersetzung mit dem Stück. Während der Text zuvor unter dem Eindruck der vorherrschenden Interpretationen als bestes Beispiel ‚postmodernen Schreibens‘ gelesen wurde, erschien er hier erstmals als Engführung einer Auseinandersetzung mit Picassos Guernica, Foucaults Überwachen und Strafen sowie Walter Benjamins Theorie der Geste Kafkas. Solche Deutungen wurden nicht zuletzt ermöglicht durch die Forschungsdiskussion, die im Rahmen der Bochumer Konferenz „Ende der Vorstellung“ im Jahr 2001 angestoßen wurde.[4] Sie war maßgeblich geprägt durch die Entdeckungen verschiedener Spuren in den Manuskripten.

Am Zustandekommen der vorliegenden Dokumentation von Zwischenergebnissen der Forschungsarbeit zu Heiner Müllers Manuskripten waren verschiedene Personen und Institutionen beteiligt, denen an dieser Stelle zu danken ist: Dem Rektorat der Ruhr-Universität Bochum für seine finanzielle Förderung des Forschungsprojekts, dem Procope-Programm des DAAD für die Ermöglichung der gemeinsamen Arbeit von Dozenten, Doktoranden und Studenten der Ruhr-Universität und der Université de Paris X, Nanterre, der Internationalen Heiner Müller-Gesellschaft und der Galerie Sophienstraße 8 in Berlin Lichtenberg, namentlich Klaudia Ruschkowski und Dörthe Lammel, für die Bereitstellung des Rahmens, in dem der Berliner Workshop abgehalten werden konnte und für seine organisatorische Unterstützung, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie für die Gewährung eines Zuschusses zu dessen Kosten, B.K. Tragelehn, Julia Bernhard und Jean Jourdheuil für ihre fachkundige und engagierte Beratung, ihre Beteiligung am Projekt und ihre Mitarbeit in den Workshops, den studentischen Mitarbeitern Alexander Kerlin und Mirjam Schmuck für die tatkräftige Unterstützung bei der Ausrichtung der Workshops, der Gesellschaft für Theaterwissenschaft, namentlich und stellvertretend Ihrem Präsidenten Andreas Kotte, für die Möglichkeit, die Arbeiten zu Müllers Manuskripten an dieser Stelle vor- und zur Diskussion zu stellen, Brigitte Maria Mayer, dem Suhrkamp-Verlag und der Akademie der Künste für die Gewährung der Rechte zum Abdruck der in den Beiträgen erwähnten Manuskripte Müllers und schließlich allen Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge.

Fußnoten    (↵ zurück zum Text)

  1. Vgl. insbesondere: Heiner Müller: Philoktet. Ein Brief. Traumtext. Drei Faksimiles. In: Drucksache 17. Hg. vom Berliner Ensemble. Redaktion Heiner Müller und Holger Teschke. Berlin, 2. Auflage, 1996.
  2. Vgl. “Wer haust in meiner Stirn”. Fundsachen Heiner Müller. Ausstellung vom 13. 12. 1998 – 14. 2. 1999. Dazu auch: Stiftung Archiv der Akademie der Künste. Heiner-Müller-Archiv. Hg. von der KulturStiftung der Länder in Verbindung mit der Akademie der Künste. Berlin 1998.
  3. Heiner Müller: Généalogie d’une oeuvre à venir. Académie Expérimentale des Théâtres / Théâtre/Public 160-161, juillet-octobre 2001, hg. von Jean Jourdheuil und Nikolaus Müller-Schöll, darin insb. S. 14-25. Heiner Müller: Manuscris de HAMLET-MACHINE. Transcriptions-traductions. Transcriptions de Julia Bernhard. Traduction de Jean Jourdheuil et Heinz Schwarzinger. Paris, Les Éditions de Minuit, 2003.
  4. Vgl. Ulrike Haß (Hg.): Heiner Müller Bildbeschreibung. Ende der Vorstellung. Berlin 2005. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die 2004 von Theo Girshausen und Günther Heeg initiierte Konferenz „Theatrographie. Heiner Müllers Theater der Schrift“.
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