Call for Papers

Wie antwortet die heutige Theaterwissenschaft auf die drastischen Veränderungen im Theater, in den Geistes- und Kulturwissenschaften, in Gesellschaft und Politik? Welche neuen Ansätze erzwingen und motivieren diese Veränderungen, welche ermöglichen sie überhaupt erst? Welcherart ist die Kritik an oder die Reformulierung von bestehenden Ansätzen? Was lässt diese dringlich oder gar notwendig erscheinen, wenn sich die Theaterwissenschaft – gleich ihrem Gegenstand, dem „Theater“ – mit den Verhältnissen und Umständen auseinandersetzt, unter denen sie ihre Arbeit beginnt? Aus welchen Blickwinkeln und unter welchen Gesichtspunkten werden Fragestellungen, Methoden und deren Historie in gegenwärtigen Dissertations- und Postdoc-Projekten betrachtet? Kurz: Was heißt es im Jahr 2020, sich im Forschungsfeld der Theaterwissenschaft aufzuhalten und zu orientieren?

Eine Annäherung an diese Fragen möchte die Gesellschaft für Theaterwissenschaft (gtw) anlässlich des vom 7.-9. September 2020 stattfindenden Arbeitsgruppentreffens in Bern anregen. Daher bittet sie alle Theaterwissenschaftler*innen in der frühen Berufsphase (Doktorand*innen, Postdocs bis drei Jahre nach Abschluss der Dissertation) um Vorschläge für wissenschaftliche Beiträge, die sich mit der Praxis der Theaterwissenschaft und den Möglichkeiten wie Notwendigkeiten einer veränderten Positionsbestimmung beschäftigen. Eine aus dem erweiterten Vorstand der gtw (Vorstand + je eine Vertretung von Promovierenden u. Mittelbau) bestehende Jury wird in einem anonymisierten Verfahren 10-12 Einreichungen auswählen und deren Verfasser*innen mit einem Stipendium für Fahrt- und Aufenthaltskosten sowie einem Tagegeld ausstatten. Die ausgearbeiteten Beiträge werden in Bern dann im Kreis der versammelten Theaterwissenschaftler*innen ausführlich diskutiert.

Fachgeschichte und Fragestellung

In der noch jungen Geschichte der Theaterwissenschaft gab es bereits mehrere Paradigmenwechsel, in deren Folge nahezu die gesamte vorherige Theaterforschung ad acta gelegt wurde: So stand die Gründung des Fachs um 1900 unter dem Vorzeichen eines Paradigmenwechsels in der Wissenschaftsgeschichte, dem ein ebensolcher in der Theatergeschichte korrespondierte. Die neue Aufmerksamkeit für das einzelne Werk ging Hand in Hand mit der Erhebung von Theater zur Kunst sui generis. Dementsprechend stellte der später in Theresienstadt ermordete Begründer der deutschsprachigen Theaterwissenschaft Max Herrmann die Aufführung ins Zentrum des neuen Fachs. Doch nachdem es die Theaterwissenschaft geschafft hatte, als eigenes Prüfungsfach anerkannt zu werden, waren es die unter dem Vorzeichen des Nationalsozialismus berufenen Vertreter, die dessen Entwicklung bis in die frühen 1970er-Jahre bestimmten. Im Zuge der damals in den Geisteswissenschaften ausgetragenen Methodendiskussion und Ausweitung bildete sich das Fach in seiner ganzen Breite in alle fortan in ihm vertretenen Richtungen heraus, griff Fragestellungen, Gegenstände und Methoden einer großen Zahl von Nachbardisziplinen auf und erweiterte sein Verständnis dessen, was unter „Theater“ zu begreifen sei. Bis in die späten 1980er-Jahre entsprach der neuen Bandbreite des Forschungsfeldes allerdings keineswegs eine auch nur annähernd das Fach in seiner Gesamtheit beleuchtende Selbstreflexion, die es erlaubt hätte, sich auf eine gemeinsame „Definition eines Gegenstandsbereichs“ (Lehmann) zu einigen.

1992 wurde mit der Gründung der Gesellschaft für Theaterwissenschaft (gtw) eine Fachgesellschaft mit regelmäßig stattfindenden Kongressen ins Leben gerufen, die maßgeblich zu einem neuen Verständnis des Fachs, seiner Gegenstände und Methoden beigetragen hat. Der starken Ausweitung des Fachs verdankten sich zahlreiche neue Arbeitsgruppen, Forschungsprojekte, Publikationen und Fragestellungen, die dessen Erscheinungsbild heute prägen und es zugleich als ein Forschungsfeld erscheinen lassen, das von einem grundlegenden Wandel gekennzeichnet ist: So wird das im Fach lange Zeit – und häufig unreflektiert – als Norm und Maßstab akzeptierte abendländisch-europäische Theater in seiner maßgeblich auf das 17. und 18. Jahrhundert zurückgehenden nationalstaatlichen Ausprägung mittlerweile als Teil eines komplexen Gefüges gesehen, innerhalb dessen es an jedem Punkt seiner Geschichte mit vielen anderen Kulturen verflochten ist, deren Andersheit ebenso Aufmerksamkeit verdient wie die Interdependenzen zwischen ihnen. In diesem Zuge wird zugleich an der Dekolonisierung der eigenen Geschichte und der Öffnung hin auf andere Geschichten gearbeitet. In die Untersuchungen einbezogen werden die vielfältigen Ausprägungen einer im engeren wie im weiteren Sinne theatralen Praxis in Musiktheater, Tanz, Performancekunst, Happening, Installationskunst sowie Figuren-, Puppen- und Objekttheater, neben dem Theater als Kunstinstitution oder künstlerische Praxis aber auch die Theatralisierung des Lebens, das Anti-Theater und das Nicht-Theater bzw. die Theaterfeindlichkeit. Über die Betrachtungen von Drama, Script, Theater und Performance hinaus richtet sich der Blick einer vergleichend angelegten Theaterwissenschaft außerdem auf unterschiedliche Organisationsmodelle und Öffentlichkeitsvorstellungen in ihrer historischen Genese und Genealogie. Dem spatial oder besser: dem topographical turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften korrespondieren in der Theaterwissenschaft Untersuchungen, die den Raum nicht länger als ‚Container‘ oder ‚Schachtel‘, sondern eher als ‚Existential‘ oder ‚Dispositiv‘ begreifen. Untersuchungen der Zeit lösen diese im Einklang mit einer auf die Phänomenologie, Walter Benjamin und Martin Heidegger zurückgehenden Tradition aus einem uniformierten, die Zeitwahrnehmung ausblendenden Verständnis heraus. Vor dem Hintergrund neuerer philosophischer Ansätze wird der Körper in der theatralen Darstellung sowie die Rolle des Zuschauers als eine historisch wandelbare begriffen – als Episteme, die sich Ende des 18. Jahrhunderts herausbildeten und im Verlauf des 20. Jahrhunderts dann in eine Krise gerieten. Technik wird mit Heidegger, Kittler, Ronell u .a. nicht länger als äußerliche Voraussetzung eines theatralen Ereignisses angesehen, sondern als dessen kooriginale oder primordiale Veränderung. Untersuchungen des Probenprozesses legen neue Praktiken der Gemeinschaftsbildung im und durch Theater frei. Mit Blick auf die französische Unterscheidung von le und la politique (das Politische und die Politik) wird das Verhältnis von Theater und Politik radikal neu bestimmt. Theater wird von daher – mit unterschiedlichem Verständnis des von Foucault, Deleuze und Agamben geprägten Begriffs – auch als „Dispositiv“ analysiert, also als „Gesamtheit, bestehend aus Diskursen, Institutionen, architektonischen Einrichtungen, reglementierenden Entscheidungen, Gesetzen, administrativen Maßnahmen, wissenschaftlichen Aussagen, philosophischen, moralischen und philanthropischen Lehrsätzen“ (Foucault: Dits et Ecrits: Schriften, Bd. III.).

Solcher Veränderungen und der mit ihnen aufgetauchten Fragestellungen, sensibleren Wahrnehmungen der Ränder oder Ausschließungen und Perspektivierungen bisheriger Forschung zum Trotz ist die Theaterwissenschaft wie andere „kleine Fächer“ in besonderem Maße von einem verzögerten Nachvollzug der andernorts stattfindenden Verschiebungen und Änderungen betroffen, der sich nicht zuletzt aus der begrenzten Zahl der Fachvertreter*innen und darüber vermittelt der im Fach kontinuierlich verfolgten Forschungsansätze ergibt. Angesichts dieser Sachlage wendet sich die gtw an Theaterwissenschaftler*innen in der frühen Berufsphase – an jene, die man früher mit dem aus vielen Gründen problematischen Begriff des „Nachwuchses“ bezeichnete, dabei vergessend, dass sie nicht einfach nach-, sondern vielleicht ganz anders „wachsen“ wollen –, um zu erfahren, aus welchen kritischen Blickwinkeln auf bisherige Forschung in der Theaterwissenschaft sie neue und andere Fragen, Gegenstände, Methoden und Ansätze verfolgen.

Neue Herausforderungen

Das Forum für die Wissenschaftler*innen in der frühen Berufsphase bietet einen Rahmen, in dem darüber nachgedacht werden soll, ob und wie die großen und in vielerlei Hinsicht aporetischen Fragen, die derzeit in unserer Gesellschaft, in der globalen Diskussion des Politischen oder der konkreten Politik sowie in der Institution des Theaters gestellt und verhandelt werden, in die theaterwissenschaftliche Diskussion zurückspielen können und sollten. Zu erwähnen wären hier konkret:

  • das Auftauchen eines neuen Rechtspopulismus, des Faschismus und der diktatorischen Aushebelung von Demokratie in allen Teilen der Welt;
  • Migration und Displacement als Folgen einer solchen Politik, aber auch einer zunehmend verschärften Ungleichheit, von Kriegen und Verfolgung;
  • die als „Klimawandel“ verharmloste Erderwärmung, die jüngere Generationen mit zukünftigen Problemen konfrontiert, für die es in der Vergangenheit kein Vergleichsbeispiel gibt – was nicht zuletzt in der Prägung des Begriffs des Anthropozäns zum Ausdruck kommt;
  • die erst allmählich in den deutschsprachigen Diskussionen in ihrem ganzen Umfang wahrgenommene und untersuchte Frage des Umgangs mit der Vergangenheit der Kolonialzeit, die sich gleichermaßen in der Wissenschaft wie in den Institutionen (Theatern, aber auch in Museen, Sammlungen, Archiven) niederschlägt;
  • eine Verschärfung der materiellen Gegensätze, die einzelne Länder wie die gesamte Weltbevölkerung vor neue Herausforderungen nicht nur der Umverteilung, sondern auch der Erhaltbarkeit demokratischer Standards und politischer Interventionen stellt;
  • die Frage nach der  Gerechtigkeit für Minoritäten, für heterogene Gruppen, welche nicht länger auf der Basis eines überkommenen Identitätsdenken oder mit Begriffen wie „Diversität“ oder „Diversifizierung“ beantwortbar ist; eine Frage, die speziell durch die Gender, Queer und Disability Studies sowie die Forschung zur Intersektionalität sichtbar gemacht worden ist;
  • die in Forschungszusammenhängen wie den Human Animal Studies, der Actor Network Theory oder dem New Materialism aufgeworfene Infragestellung des Subjekts in gleich welcher seiner überkommenen Ausprägungen.

Häufig tauchen solche Fragen in Theaterinszenierungen, Performances, Strukturdebatten oder spektakulären Skandalen auf, werden dort jedoch nicht selten in einer moralisierenden, mit binären Oppositionen operierenden Weise gestellt und dann sofort auch schon wieder beantwortet. Eher beiläufig tauchen sie bislang dort auf, wo nach den Epistemen der eigenen Wissenschaft gefragt wird.

Gegenstand eigener Erkundungen könnte auch die Rückwirkung institutionskritischer Fragen sein: Wie verändert sich der Gegenstand des Faches angesichts der Krise, in die das Modell der Stadt- und Staatstheater geraten ist? Eine Krise, für welche in den vergangenen Jahren Debatten und Initiativen unter den Namen Art but fair, Ensemble-Netzwerk, Pro Quote, Me Too und die Forderung nach der Integration bisher strukturell ausgeschlossener Gesellschaftsgruppen standen. Dabei könnte speziell auf die neu aufgeflammte Auseinandersetzung über Krise und strategische Notwendigkeiten von Repräsentation eingegangen werden.

Nicht bei diesen Fragen und Problemen soll jedoch verharrt werden, sondern vielmehr verhandelt werden, wie deren Dringlichkeit sich auf die Zukunft des Faches auszuwirken hat. Wie sehen neue, erneuerte oder reformierte Ansätze von Theaterwissenschaft aus, die auf die sich sehr schnell und drastisch verändernde politische, ökonomische und soziale Realität heutigen Theaterschaffens und gegenwärtiger Geisteswissenschaften reagieren, ohne die Stärken aufzugeben, die in der Tradition des Fachs und seiner Fragestellungen liegen? Wie verändern sich Theaterhistoriographie, Aufführungs- bzw. Inszenierungs-, Dispositiv- und Diskursanalyse sowie Theatertheorie, wenn sich der zentrale Gegenstand des Fachs, das „Theater“, selbst in einem so grundlegenden Wandel befindet? Mit welchen methodischen Ansätzen beginnen Theaterwissenschaftler*innen (gleich welchen Lebensalters), die an Dissertationen arbeiten oder am Beginn ihrer Postdoc-Phase stehen, heute ihre Recherchen? Welche methodischen Ansätze werden ihrer Ansicht nach zukünftige Diskussionen über Theater im Bereich der Wissenschaft und über sie hinaus bestimmen?

Procedere

Erbeten wird ein Exposé im Umfang von bis zu 4.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen), in dem die Fragestellung, der Gegenstand sowie tentativ das methodische Vorgehen des Beitrags zum Forum dargestellt werden. Außerdem ist eine Liste der verwendeten Literatur hinzuzufügen. Die Exposés sind bis 15. Februar 2020 – versehen mit dem Betreff: „Forumsbeitrag GTW“ – als Anhang ohne Nennung des Namens des/der Autor*in mit einem knappen Anschreiben zu richten an Frau Michaela Daase: daase@tfm.uni-frankfurt.de

Die Einreichungen werden der Jury in anonymisierter Form vorgelegt. Je nach verfügbaren Mitteln wählt diese 10 bis 12 Exposés aus und lädt die Verfasser*innen zur Ausarbeitung ein. Die eingeladenen Wissenschaftler*innen erhalten ein Stipendium, das Fahrtkosten, Unterkunft sowie ein Tagegeld für die Teilnahme am Forum in Bern abdeckt. Die Jury wird die eingeladenen Teilnehmer*innen bis 31. März 2020 benachrichtigen und sie bitten, einen Beitrag im Umfang von etwa 18.000 Zeichen auszuarbeiten und diesen bis 15. Juli 2020 einzureichen. Die gesammelten Beiträge werden allen am Forum teilnehmenden Wissenschaftler*innen sowie angemeldeten Gästen als digitaler Reader ca. vier Wochen vor Beginn des Forums in Bern zugänglich gemacht. Dort werden sie dann nicht mehr in Gänze, als Vortrag, gehalten, sondern lediglich in einer kurzen Zusammenfassung vorgestellt, die nicht mehr als 10 Minuten beanspruchen soll, und anschließend 30 Minuten lang diskutiert. Vorgesehen ist, die Beiträge in überarbeiteter Form anschließend zu veröffentlichen. Voraussetzung für die Teilnahme an Arbeitstreffen und/oder Forum ist die Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Theaterwissenschaft.

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