Schwerpunkt | Das Zentrum für Politische Schönheit – Für einen linken Populismus?

Wir brauchen DICH für die Zukunft des politischen Widerstandes im 21. Jh. – Widerstand ist eine Kunst, die reizen schmerzen und verstören muss. Ob Höcke – Mahnmal oder SOKO Chemnitz, unsere Aktionen vereinen Komplizen im gemeinsamen Kampf für die Menschlichkeit und gegen die Grenzen der Kunst. Wir drängen in die Leerstelle, die öffentliche Intellektuelle provozieren – das moralische Gewissen. Du erhältst nirgendwo so viel Aufruhr und Dissens für jeden gespendeten Euro wie bei uns. Sei jetzt dabei.[1]

Mit diesem Aufruf lädt das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) auf den digitalen Plattformen Instagram und Facebook zu einer politischen Komplizenschaft ein. Eine Einladung zur Teilhabe in Form von finanzieller, aber durchaus auch aktiver Unterstützung. In einem Video zur Aktion Holocaust Mahnmal Bornhagen (2017) wird beispielweise nach Kompliz*innen mit bestimmten Expertisen zur direkten Aktion vor Ort gesucht.[2]

Das seit 2009 in Erscheinung tretende Künstler*innen-Kollektiv polarisiert mit seinen Aktionen. Provokation scheint Teil einer Strategie und einer Darstellungsweise zu sein, mit der möglichst große mediale Aufmerksamkeit generiert werden soll. Das Kollektiv bezeichnet sich selbst als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“.[3] Mit einem „aggressiven Humanismus“ soll dagegen vorgegangen werden, dass „die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit […] annulliert werden“.[4] Deutschland solle „aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln“.[5] Diese Selbstdefinition ist interessant. Der Begriff Sturmtruppe könnte durchaus auch in anderen politischen Kontexten Verwendung finden. Die Selbstbeschreibung kommt nahezu pathetisch daher und wartet mit Begriffen auf, die erst einmal inhaltlich gefüllt und definiert werden wollen. Was soll mit „politischer Schönheit“ überhaupt gemeint sein? Das Kollektiv selbst definiert das folgendermaßen:

Politische Schönheit ist das Streben nach dem, was sein könnte. Keine Frage macht die Humanität der Menschheit so sichtbar wie die, wer gegen Massenmord und Verbrechen an der Menschheit aufbegehrt – notfalls gegen die eigene Karriere, Freunde und Gefühle.[6]

Schon bei genauerer Betrachtung dieser Selbstdefinition wird deutlich, dass sich die Gruppe mittels einer Spaltung definiert. Sie versammelt ein Wir gegen ein Sie. Wir – das Zentrum und die Kompliz*innen – gegen Björn Höcke, gegen die AfD, gegen die vom Zentrum wahrgenommene Politikverdrossenheit, gegen den deutschen Staat etc. Die Liste der potentiellen Antagonisten*innen ließe sich beliebig fortführen, je nachdem welche Aktion des ZPS man als Referenz heranzieht. Die Provokation funktioniert hierbei über die Drastik, mit der das Kollektiv, das Wir vom Sie abgrenzt. Doch wer entscheidet über das Richtig und das Falsch? Obliegt das nur den Künstler*innen, die ihre Ansichten über die Vielzahl der anderen stellen? „Viele Arbeiten, die mit Konfrontation oder gar Antagonismus spielen, sind zugleich Arbeiten tiefer Fürsorge, fast ein Schrei um Aufmerksamkeit für die Miseren und ethischen Verbrechen dieser Welt.“[7] Das ZPS versucht Aufmerksamkeit für politisch oder gesellschaftlich Benachteiligte wie Geflüchtete zu schaffen und die Politik zum Handeln zu bewegen, wie bei den Aktionen Flüchtlinge fressen (2016) oder Die Toten kommen (2015). Flüchtlinge fressen richtete sich beispielsweise dezidiert an den Deutschen Bundestag und rief zu einer Abschaffung des Paragrafen § 63 Abs. 3 AufenthG zum Beförderungsverbot für Flüchtlinge auf, der es Menschen auf der Flucht untersagt, ohne Einreiseerlaubnis mit dem Flugzeug nach Deutschland zu kommen, und so den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer für viele zur einzigen Möglichkeit macht.

Das ZPS generiert mit solchen Aktionen ein breites Medienecho und durchaus gespaltene Reaktionen, was ich im Folgenden am Beispiel der Aktion Holocaust Mahnmal Bornhagen (2017) aufzeigen möchte. Bei diesem Beispiel liegt es nahe über die politischen Möglichkeiten von Aktionskunst sowie über die Idee eines linken Populismus nach Chantal Mouffe und die scharfe Spaltung in Wir und Sie nachdenken.

Für einen linken Populismus

In ihrem Buch Für einen linken Populismus verfolgt Chantal Mouffe die These, dass

[i]m Laufe der nächsten Jahre, […] die zentrale Achse der politischen Auseinandersetzung zwischen einem rechtsgerichteten und einem linksgerichteten Populismus verlaufen [wird]. Und deshalb ist es die Konstruktion eines „Volkes“, eines kollektiven Willens, der der Mobilisierung gemeinsamer Affekte zur Verteidigung der Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit entspringt, die es ermöglichen wird, die vom Rechtspopulismus propagierte fremdenfeindliche Politik zu bekämpfen.[8]

Mouffe geht davon aus, dass wir uns gegenwärtig in einem „populistischen Moment“ befinden. Ihr Verständnis von Populismus schließt dabei an die Definition von Ernesto Laclau an. Demnach ist Populismus „eine Diskusstrategie, die eine politische Frontlinie aufbaut, indem sie die Gesellschaft in zwei Lager aufteilt und zu einer Mobilisierung der ‚Benachteiligten‘ gegen ‚die an der Macht‘ aufruft“[9]. Genau das reklamieren auch rechtskonservative Parteien wie die AfD für sich. Mouffe schließt daraus: „Von einem ‚populistischen Moment‘ kann man sprechen, wenn die vorherrschende Hegemonie unter dem Druck politischer und sozioökonomischer Umwälzungen durch eine Vervielfachung unerfüllter Forderungen destabilisiert wird.“[10]

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Konstruktion eines Volkes, von der Mouffe spricht. Die Definition von Volk ist zentral, gerade in Abgrenzung zum Volksbegriff, der in rechten Theorien verwendet wird. Das Volk ist für Mouffe eine „diskursive politische Konstruktion. Es existiert nicht, ehe es performativ artikuliert wird, und lässt sich nicht mit soziologischen Kategorien erfassen.“[11] Eng damit verbunden ist der Begriff der Äquivalenzkette, den Mouffe dazu nutzt, begreifbar zu machen, dass es innerhalb des als Einheit konstruierten Volkes immer noch Differenzierungen gibt.

Würden die Unterschiede eingeebnet, hätten wir es nicht mit Äquivalenz, sondern schlichter Gleichsetzung (simple identity) zu tun. Nur insofern, als demokratische Differenzen in Opposition zu Kräften oder Diskursen stehen, die sie allesamt negieren, sind diese Differenzen untereinander substituierbar. Eben deshalb erfordert die Konstruktion eines kollektiven Willens die Bestimmung eines Kontrahenten.[12]

Mouffe beschreibt also keine Negation von Pluralität innerhalb des Volkes. Durch die Form der Äquivalenzkette können heterogene Forderungen innerhalb einer linkspopulistischen Strategie artikuliert werden.[13]

Schauen wir auf Deutschland, so lässt sich spätestens seit dem Aufstieg der AfD in den letzten Jahren beobachten, dass stark konservatives, rechtes bis rechtsextremes Gedankengut vermehrt öffentlich in Erscheinung tritt. Diese politische Entwicklung ist entscheidend für die inhaltliche Arbeit des Zentrums für Politische Schönheit. So erweist sich das eingangs angeführte Zitat des ZPS im Sinne Mouffes als eine klare Mobilisierung und Teil einer Strategie, „um die für eine demokratische Politik konstitutiven Ideale der Gleichheit und Volkssouveränität wiederherzustellen und zu vertiefen“.[14]

Bevor es konkret um die Anwendung von Mouffes Idee eines linken Populismus auf die Aktion Holocaust Mahnmal Bornhagen geht, muss noch ein kurzer Blick auf den agonistischen öffentlichen Raum geworfen werden, der die Bühne für die Arbeiten des ZPS bereitet.

Der agonistische öffentliche Raum

Alle Inhalte der Kunstaktionen des Zentrums für Politische Schönheit sind dezidiert gegen rechtskonservative Politiker*innen und Menschen gerichtet oder beziehen sich auf die aktuelle deutsche Tagespolitik. Die Aktionen finden immer im öffentlichen Raum statt, häufig in der Nähe zu politisch oder historisch bedeutsamen Orten. Chantal Mouffe geht in Bezug auf Kunst in öffentlichen Räumen von einem agonistischen Ansatz aus. Nach diesem „ist der öffentliche Raum der Ort, an dem konfligierende Sichtweisen aufeinandertreffen, ohne dass die geringste Chance bestünde, sie ein für alle Mal miteinander zu versöhnen“.[15] Was bedeutet das für eine kritische, künstlerische Praxis?

Aus Sicht des agonistischen Ansatzes wird kritische Kunst von einer Vielzahl künstlerischer Praktiken konstituiert, die ein Schlaglicht darauf werfen, dass es Alternativen zur gegenwärtigen postpolitischen Ordnung gibt. Ihre kritische Dimension besteht darin, sichtbar zu machen, was der vorherrschende Konsens oft verschleiert und überdeckt […].[16]

Es sei aber nicht das Ziel, mit diesen Praktiken „eine eigentliche Wirklichkeit“[17] sichtbar zu machen. Man kann Mouffe also so verstehen, dass es ihr darum geht, mit künstlerischen Strategien etwas zutage zu befördern, was vorher nicht klar sichtbar war. Es geht nicht um eine reine Dekonstruktion von etwas, sondern vielmehr um Prozesse, die über diesen Schritt hinausgehen. Als Beispiel nennt Mouffe Arbeiten des Künstlers Alfredo Jaar. Jaars künstlerische Vorgehensweise sei die „beste Strategie, Menschen zum Handeln zu veranlassen“, denn sie „[weckt in ihnen] ein Bewusstsein für das, was in ihrem Leben fehlt, und [vermittelt] ihnen das Gefühl, dass alles anders sein könnte“.[18] Jaar gelinge es, „kleine Risse im System zu schaffen“[19] und den „allgemein herrschenden Common Sense zu destabilisieren“.[20] Kritische und politische Kunst sei nicht dazu da, den Menschen „Lektionen über den Zustand der Welt zu erteilen“[21].

Diese Idee auf das Zentrum für Politische Schönheit zu übertragen erscheint sinnvoll, da es dem Kollektiv laut eigener Aussage um eine Erweckung aus einer vermeintlichen politischen Teilnahmslosigkeit und eine Aufforderung zum aktiven politischen Handeln geht.

Das Holocaust Mahnmal Bornhagen

Eine Herangehensweise des ZPS ist eine „Kunst, die reizen, schmerzen und verstören muss“.[22] Am 22. November 2017 sorgte das Zentrum für Aufruhr, als es auf dem Nachbargrundstück des Hauses von AfD-Politiker Björn Höcke einen Nachbau des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden Europas errichtete. 24 Betonstelen auf 18 x 13 Metern, in guter Sichtweite von Höckes Haus. Die Aktion reagierte unmittelbar auf eine Aussage Höckes, der am 17. Januar 2017 in Dresden auf einer Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) eine Wende der deutschen Erinnerungspolitik forderte und sagte: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“[23].

Daraufhin erwarb das ZPS das Nachbargrundstück von Höcke und plante ab Februar 2017 die Mahnmalaktion und führte zudem laut eigener Aussage über Monate Observierungen von Björn Höcke und seiner Familie durch. Im November 2017 wurde der Aufbau des Mahnmals innerhalb von fünf Tagen durchgeführt. Höcke bezeichnete die Künstler*innen daraufhin als terroristische Vereinigung, es kam zu Sachbeschädigungen am Mahnmal und zu Protesten von Einwohner*innen des Dorfes, die sich hinter Höcke stellten und die Künstler*innen sowie die Presse vor Ort bedrohten.[24]

Milosz Matuschek schrieb am 08.12.2017 in der NZZ:

Politische Aktionskunst stört vor allem die Ressortaufteilung in den Köpfen: Politik mischt sich nicht in Kunst, Kunst bitte nicht in Politik. Das letzte Mittel der selbsternannten Kampfmittelräumkommandos: Je mehr Aufmerksamkeit etwas bekommt, desto schlechter muss es sein.[25]

Gibt es wirklich eine Ressortaufteilung in den Köpfen, die Kunst und Politik klar voneinander trennt? Ist politische Positionierung in der Kunst und im Theater nicht nahezu selbstverständlich und permanenter Diskurs, egal ob es um eine Theaterbühne oder das Nachbargrundstück von Björn Höcke geht? Mouffe schreibt dazu: „Ich möchte Kunst und Politik nicht als zwei voneinander unabhängig konstituierte Bereiche betrachten […]. Das Politische hat eine ästhetische Dimension und die Kunst eine politische“[26]. Interessanter scheint daher die Frage, inwiefern man durch künstlerische Aktionen aus einer Komfortzone gerissen wird. Das ZPS verfolgt dieses Ziel, indem es sich häufig an den Grenzen des guten Geschmacks bewegt, wie beispielsweise mit der Drohung, Geflüchtete Tigern zum Fraß vorzuwerfen (Flüchtlinge fressen).

Die Aktionen sind übergriffig, […] sie verkünden dröhnend, anmaßend und zuweilen mit beißender Ironie die Abwesenheit von „politischer Schönheit“, aber auch die Möglichkeit politischer Alternativen.[27]

Darüber hinaus fordert das Kollektiv gerade durch die eingesetzten Mittel eine Positionierung zu den Aktionen ein.

Das Zentrum für Politische Schönheit befindet sich mit seinen Arbeiten an einer Schnittstelle zwischen Aktion und Kunst. Entscheidend für diese Arbeit ist daher ein Nachdenken über die Gewichtung dieser beiden Komponenten. Daran schließt sich die Frage an, wie und wo genau sich das Zentrum überhaupt selbst politisch und künstlerisch positioniert, auch in Abgrenzung zu der Positionierung, die das ZPS zu ihren Aktionen einfordert. Besonders die Aktionen Holocaust Mahnmal Bornhagen und SOKO Chemnitz sind zeitnahe Reaktionen auf tagespolitische Geschehen. Sie stellen eine Art von Protest und Empörung dar. Damit füllt das ZPS eine Leerstelle. Denn verbreiteter als diese Form des radikalen Protests scheint die Ansicht, man dürfe dem rechten Gedankengut nicht zu viel Raum in der Öffentlichkeit einräumen. Weltweit erfahren rechte Kräfte Zulauf. Das ZPS reagiert und positioniert sich mit einer Aktion wie Holocaust Mahnmal Bornhagen so entschieden, wie nur wenige es tun. Sie machen gesellschaftlich relevante Themen sichtbar und das auf eine Weise, die über die mediale Resonanz nicht nur eine bestimmte Zielgruppe erreicht. Zu hinterfragen sind aber die gewählten Mittel und ihre Legitimität. Sind das Eindringen in einen privaten Raum, wie bei der Observierung der Familie Höcke, oder die öffentliche Hetze und Jagd auf Neo-Nazis wirklich legitime Mittel? Oder bedient sich das Zentrum für Politische Schönheit dabei nicht auch Strategien, die man eher im Rahmen rechter Aktionen vermutet?

Betrachtet man die Aktionen der letzten Jahre, ist zu beobachten, dass sie an Vielschichtigkeit und künstlerischem Wert eingebüßt haben. Ein großes Medienspektakel begleitete das ZPS bei nahezu allen Aktionen. Aber funktionierte eine Aktion wie Flüchtlinge fressen noch über performative Momente und auf verschiedenen inhaltlichen Ebenen, verknüpft auch mit öffentlichen Diskussionsrunden, bleibt bei der Mahnmal-Aktion nur noch der große medialen Effekt. Die Aufmerksamkeit ist da, aber die fundierte und nachhaltige Auseinandersetzung bleibt aus. Der Diskurs verknappt sich damit klar zugunsten einer Eindeutigkeit. So überzeugt man nur die Menschen, die ohnehin schon auf der gleichen Seite stehen. Mouffe beschreibt diese Haltung als „bequem“.

Gerade für die Mitte-links-Kräfte ist es natürlich bequem, die rechtspopulistischen Parteien als „rechtsextrem“ und „neofaschistisch“ einzustufen und ihre Attraktivität auf einen Mangel an Bildung zurückzuführen. Auf diese Weise kann man sie leicht abqualifizieren, ohne die Verantwortung einzugestehen, die Mitte-links-Parteien selbst an ihren Aufstieg tragen.[28]

Der linke Populismus und das Zentrum für Politische Schönheit

Hat die Kunst, die Aktion, die Aktionskunst des Zentrums für Politische Schönheit also wirklich ihr Potenzial darin mit einer klaren Frontlinie ihren politischen Ausdruck zu verorten? Im öffentlichen Raum stört das Kollektiv, durch die Wahl seiner künstlerischen Mittel durchaus den Common Sense und sorgt auf radikale Art und Weise für eine Öffentlichkeit politischer Themen und für Diskussionen. Aber regen die Aktionen auch wirklich zum Handeln an oder zeigen sie lediglich etwas auf, dem man nur zustimmen oder widersprechen kann? Die Kunstaktionen des ZPS lassen sich im Sinne eines linken Populismus nach Mouffes Definition durchaus einordnen, die konkrete Umsetzung führt aber dazu, dass das Kollektiv lediglich für viel Furor sorgt und letztendlich nur sich selbst und „Gleichgesinnte“ mit seinen Aktionen erreicht. Damit entsprechen sie nicht der Kunst, die für Mouffe beispielhaft Strategien des linken Populismus einsetzt.

Für wen spricht das ZPS? Spricht es für die „Benachteiligten“, Geflüchtete etwa? Spricht es stellvertretend für die Opfer des Holocaust oder deren Nachfahren? Die Künstler*innen stellen ihre Meinung, ihre eigene politische Sichtweise über andere. Damit stößt das Zentrum an die Grenzen der Repräsentation. Einerseits sorgt es für eine Spaltung von Wir gegen Sie und lädt zur Teilhabe ein, andererseits passiert das in Verbindung mit einer moralischen Erhabenheit. Im Falle der Aktion Sucht nach uns im Dezember 2019, bei der in einer Säule des Widerstands vermeintlich die Asche von Holocaust-Opfern gesammelt wurde, sprach das Zentrum für diese Opfer. Gedacht als Protest gegen die Aneignung der Opfer durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft reproduzierte diese Aktion genau das: eine Aneignung für die eigene Sache. Und das ist im Endeffekt das einzige, was von dieser Aktion in Erinnerung blieb – nicht die politische Motivation dahinter, sondern vielmehr der Protest und der Abbruch der Aktion. Das Zentrum für Politische Schönheit generiert ein Wir im Sinne von Mouffes populistischem Moment. Doch das und die massive Erzeugung von Aufmerksamkeit mittels populistischer Strategien reicht nicht aus, um einen wirklichen Widerstand gegen den Rechtspopulismus zu bilden. Vielmehr erteilt das Zentrum für Politische Schönheit lediglich vermeintlich eine Lektion in Aufklärung, Handlungsmöglichkeit und Wir-Gefühl, was nicht im Mouffeschen Sinne ist. All das ist nicht nachhaltig, es konfrontiert für den Moment, vermittelt aber keinen Inhalt, zerlegt kein Argument, leistet keine Überzeugungsarbeit, führt nicht zu einer Erweckung aus der Teilnahmslosigkeit. Die Wirkung der Aktion bleibt auf die Zeit der Aktion beschränkt.


  1. Gesponserter Werbeaufruf des ZPS auf Instagram und Facebook (Zugriff am 12. Juli 2019).
  2. Vgl. https://www.youtube.com/watch?time_continue=182&v=nZaCmu-cc3Q (Zugriff am 12. Juli 2019).
  3. https://politicalbeauty.de/index.html (Zugriff am 18. Dezember 2020).
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Ebd.
  7. Malzacher, Florian: „Aktivismus als Aufführung“ in: Rummel, Miriam/Stange, Raimar/Waldvogel, Florian (Hg.): Handlung als Haltung. Das Zentrum für politische Schönheit. Berlin, München 2018, S. 321-330, hier S. 328.
  8. Mouffe, Chantal: Für einen linken Populismus. Berlin 2018, S. 17.
  9. Ebd., S. 20 f.
  10. Ebd.
  11. Ebd., S. 74.
  12. Ebd., S. 75.
  13. Vgl. ebd., S. 76.
  14. Ebd., S. 19.
  15. Mouffe, Chantal: Agonistik. Die Welt politisch denken. Berlin 2016, S. 142.
  16. Ebd., S. 143.
  17. Ebd.
  18. Ebd., S.147.
  19. Ebd., S. 146.
  20. Ebd.
  21. Ebd.
  22. https://politicalbeauty.de/index.html (18. Dezember 2020).
  23. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-01/afd-bjoern-hoecke-rede-holocaust-mahnmal-berlin/seite-2?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com (Zugriff am 20. Dezember 2020).
  24. https://www.youtube.com/watch?v=14zqjBOcczU#action=share (Zugriff  am 20. Dezember 2020).
  25. https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/lob-der-grenzueberschreitung-ld.1337308 (Zugriff am 12. Juli 2019).
  26. Mouffe: Agonistik, S. 140.
  27. Van den Berg, Karen: „Riskante Manöver“, in: Rummel/Stange/Waldvogel (Hg.): Handlung als Haltung, S. 305-320, hier S. 320.
  28. Mouffe: Für einen linken Populismus, S. 32.
Print Friendly, PDF & Email