Rezension | Theaterdenken jenseits der Mangelökonomie

Sebastian Kirsch untersucht „Das Reale der Perspektive“

„Das Reale der Perspektive“ ist, wie man zusammenfassend zunächst sagen könnte, eine Studie zur Gegenwart des Barock. Ihr Prinzip lässt Sebastian Kirsch beiläufig erahnen, wenn er mit Bezug auf Walter Benjamins Trauerspielbuch an einer Stelle auf dessen „zur Perfektion entwickeltes Verfahren“ hinweist, „sich der Struktur des dargestellten Gegenstands anzuschmiegen und ihn beschreibend zu wiederholen“ (32). Es ist ein den Gegenstand in die Form seiner Betrachtung übertragendes Buch über den Barock, eine Untersuchung, welche die „Schwellenzeit“ um 1600 mit derjenigen des gegenwärtigen Übergangs vom 20. zum 21. Jahrhunderts verknüpft, wobei Kirsch methodisch sich vor allem auf Lacan und Deleuze stützt, inhaltlich zwei Fragen- oder Problemkomplexe thematisiert, die sein Buch ins Zentrum gegenwärtiger kritischer Theaterforschung mit ihrer neuerlichen Befragung des Raumes und der ödipalen und patriarchalen Strukturen von Theater und dramatischer Literatur rückt: die Frage der neuzeitlichen Zentralperspektive und diejenige nach der „Figur des Vaters“ und dem mit ihr verbundenen „Diesseits und Jenseits genealogischer Abfolgen“ (11). Die Studie ist dabei erkennbar nicht nur in der Wahl ihres Themas, sondern auch in der Art seiner Bearbeitung stark durch eine von Deleuze/Guattari aufgeworfene Frage geprägt, die man ganz allgemein als diejenige nach der Möglichkeit bezeichnen könnte, einem Denken in der Struktur der Mangelökonomie zu entkommen, mithin nach der Möglichkeit eines wahrhaft agnostischen Denkens, das nicht länger Trauerarbeit über den Tod Gottes betreibt. Setzt das erste Kapitel, allgemein gesprochen, die Barock-Lektüren von Benjamin und Deleuze einander gegenüber, so geht das zweite Kapitel dem Umbruch auf dem Gebiet des Sehens nach, der sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts vollzieht und das neuzeitliche Subjekt begründet – einen Umbruch, den vor Kirsch bereits Ulrike Haß in ihrer Studie Das Drama des Sehens beleuchtet hatte. Mit Lacans Schemata untersucht Kirsch die Ablösung eines „geometralen“ durch ein „visuelles“ Dreieck, die Spaltung von Auge und Blick und die Figuren der Anamorphose und des Spiegels. Im Mittelpunkt des dritten Kapitels steht entlang einer Lektüre von Shakespeares Maß für Maß die Untersuchung zweier verschiedener Typen der Souveränität, der „historischen und epistemologischen Gegebenheiten des elisabethanischen Theaters und seiner Bühnenform“ (109, vgl. S. 119-124), die dramaturgische Analyse des Stückes, die Erfindung der doppelten Buchführung und vor dem so herausgebildeten Hintergrund dann die Krise der Genealogie, wie sie sich in der Figur Angelos manifestiert und in der Gegenwart wiederkehrt. Das vierte Kapitel widmet sich den Körperbildern und ihren Diskursen um 1600, mithin dem Thema der „Zerstückelungen und Entstellungen“. Kirsch spürt ihnen bei Quevedo und Rabelais nach, wobei er sich von Bachtin, aber auch von den Ausführungen von Deleuze und Guattari zum organlosen Körper leiten lässt. Im darauf folgenden fünften Kapitel gilt das Interesse dem Wortbarock, konkret dem Trauerspiel, das in Beziehung zum Sprechen im Traum und dessen Grammatik gesetzt wird, wobei Lohensteins Agrippina in Bezug zur Traumdeutung Freuds gesetzt und Lacans Vorschlag der Übersetzung von Verschiebung und Verdichtung in die rhetorischen Begriffe der Metonymie und der Metapher diskutiert wird. Das sechste Kapitel gilt dem Thema des Raumes im 17. Jahrhundert unter der Maßgabe einer Untersuchung zur Selbstähnlichkeit. Dabei werden frühneuzeitliche Raumkonzepte und Bühnenbauten, das Raumdenken von Leibniz und schließlich an zentraler Stelle des gesamten Buches Shakespeares King Lear als Untersuchungsgegenstände herangezogen. Es folgen zwei „Postscriptum“ genannte Fortführungen, die sich mit Benthams Panopticon und der Wiederkehr des Barock im 20. Jahrhunderts beschäftigen. Diese Wiederkehr spürt Kirsch bei Brecht auf, speziell in dessen Mann ist Mann und im Brotladen-Fragment, deren barocke Züge er in der Sterbethematik, in der Wiederkehr der Entgegensetzung von Visuellem und Geometralem im Verhältnis von Masse und Individuum sowie in einem „niemals substantialisierbaren Rest“ (348) festmacht, der dem cartesianischen Subjekt in Lacans Lesart gleiche.

Kirschs Studie besticht durch die Art und Weise, wie er Theorie und historische Arbeit am einzelnen rätselhaften Phänomen, genaueste Detaillektüren und übergreifende Strukturierungen miteinander verknüpft. Die Theorie erlaubt es Kirsch, die Gegenstände – sowohl sehr bekannte und viel erforschte wie auch überraschende wie die „doppelte Buchführung“ oder Brechts Brotladen-Fragment – neu zu sehen. Die Gegenstände erlauben es ihrerseits, die Gültigkeit und Reichweite der an sie herangetragenen, auf sie projizierten Theorie zu prüfen. Deutlich und zum Teil auch durchaus dem Lesen hinderlich stehen dabei Lacan, Deleuze und bis zu einem gewissen Grad Benjamin im Vordergrund. In ihrem intensiven Studium, so merkt man, hat Kirsch das Denken gelernt. Doch die Arbeit profitiert auch von einem großen theater- und kulturgeschichtlichen Hintergrund, der Theatergeschichte im engeren Sinne in eine Mediengeschichte im weiteren Sinne einzuordnen erlaubt. Zu erwähnen wären dabei speziell die Berücksichtigung der Schriften von Hubert Damisch zur Erfindung der Perspektive und von Michel Foucault zu den Umbrüchen des Wissens im 18. Jahrhundert. Die Theater- und Medienwissenschaft findet hier einen Denker am Werk, der wie wenige andere die Theoriebildung beider Wissenschaften produktiv zu verknüpfen vermag. Aus theaterwissenschaftlicher Sicht stellen dabei Kapitel wie dasjenige über die Bühnenform des „Globe-Theatre“ oder das zu den barocken Räumen Texte dar, die zur Standardlektüre in Einführungskursen werden sollten. Überhaupt ist es die große Qualität dieser Studie, dass sie bei aller Verankerung ihrer Lektüren und Analysen in Großtheorien extrem materialhaltig ist, das Ergebnis eines selbst barock zu nennenden Lesehungers. Man kann die sich manchmal in Einzelauseinandersetzungen mit bestimmten Ansichten und Behauptungen verlierenden Ausführungen für zum Teil unökonomisch ansehen, gleichwohl wird man dem Buch als Ganzem kaum den Respekt verweigern können. Es ist ein Buch, das die Mühe der Lektüre mit einer Fülle von originellen Verknüpfungen und Entdeckungen belohnt und dabei vorführt, wie das Verhältnis von Theorie und Gegenständen im besten Fall aussehen kann.

Sebastian Kirsch: Das Reale der Perspektive: der Barock, die Lacan’sche Psychoanalyse und das ‚Untote‘ in der Kultur. Berlin: Theater der Zeit 2013, 394 S.

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